Fallstricke bei der Lizenzierung von Microsoft Online Services

Im Alltag als Mitglied des Microsoft AI Cloud Partner Program wird eines sehr schnell deutlich: Egal ob bei Lizenz-Analyse oder bei der Begleitung von Kunden auf deren Cloud Adoption Journey – ein Thema zieht sich wie ein roter Faden durch nahezu jedes Projekt: Die fehlerhafte oder unzureichende Lizenzierung von Microsoft Online Services.
In vielen Fällen liegt die Problematik nicht nur in kleinen Ungenauigkeiten. Vielmehr werden Dienste entgegen der offiziellen Microsoft-Empfehlungen eingesetzt – und manchmal sogar in direktem Widerspruch zur Microsoft Online Services Acceptable Use Policy. Das kann zu schwerwiegenden Folgen führen, die im schlimmsten Fall mit Benachrichtigungsschreiben, großen finanziellen Auswirkungen, Audits durch Microsoft & Partnerunternehmen oder – bei fortlaufender Missachtung – zur Aussetzung der Online Services führen können.
Dabei ist die Suspendierung nur eine von mehreren Maßnahmen, die Microsoft ergreifen kann; sie wird nur im notwendigen Umfang durchgeführt und – sofern keine sofortige Handlung erforderlich ist – mit angemessener Vorlaufzeit angekündigt, die nach unserem Wissen in der Regel 90 Tage beträgt. Entsprechend Microsofts Data Handling Standard Policy würde dies aller Wahrscheinlichkeit nach als eine "Active Deletion" eingestuft werden.
Um das zu vermeiden, braucht es ein fundiertes Verständnis dafür, wie Microsoft Online Services korrekt lizenziert werden müssen – und welche Stolperfallen es dabei zu vermeiden gilt.
Was sind Microsoft Online Services überhaupt?
Bevor wir uns mit den konkreten Lizenzanforderungen befassen, lohnt ein Blick auf die Definition dessen, was Microsoft überhaupt unter „Online Services“ versteht.
Dazu zählen unter anderem:
- Microsoft 365 (Office 365)
- Microsoft Dynamics 365
- GitHub (Enterprise-Angebote)
- Windows 365 (Cloud-PCs)
- Weitere spezialisierte Cloud-Dienste von Microsoft
Microsoft selbst definiert Online Services folgendermaßen:
Online Service means a Microsoft-hosted service to which Customer subscribes under a Microsoft volume licensing agreement, including any service identified in the Online Services section of the Product Terms. It does not include software and services provided under separate license terms (such as via gallery, marketplace, console, or dialog). [1]
Im Rahmen dieses Artikels beschränken wir uns jedoch auf die Microsoft 365 Commercial – also die Lizenzierung im Unternehmenskontext. Verträge aus dem Education-, Academic- oder Government-Bereich sind nicht Teil dieser Betrachtung, da hier separate Vorgaben und Lizenzwege gelten.
Unterscheidung zwischen Core Online Services und Zusatzdienste
Microsoft differenziert in seinen Product Terms zwischen sogenannten Core Online Services und weiteren, ergänzenden Diensten. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil viele Lizenzpflichten explizit für die Core Services gelten und manche Dienste – insbesondere sogenannte Tenant-Level Services – unabhängig von den eigentlich zugewiesenen Lizenzen aktiviert sind.
Was sind Tenant-Level Services (TLS)?
Ein Teil der Online Services bestehenden aus den Tenant-Level Services. Dabei handelt es sich um Dienste, die einmalig pro Tenant aktiviert werden – und danach für alle Benutzer im Tenant (zumindest potenziell) zur Verfügung stehen.
Diese Aktivierung kann sowohl durch die Zuweisung bestimmter Lizenzen als auch manuell ausgelöst werden – etwa über PowerShell oder durch den Aufruf von bestimmten Portalen – und variiert je nach Dienst.
Microsoft beschreibt TLS wie folgt:
A tenant-level service is an online service that is activated in part or in full for all users in the tenant (standalone license and/or as part of a Microsoft 365 or Office 365 plan). Appropriate subscription licenses are required for customer use of online services. [3]
Die Praxis zeigt jedoch: Viele Unternehmen haben diese Dienste aktiv – ohne ausreichende Lizenzierung. Und genau hier beginnt das Problem.
Bekannte Tenant-Level Services im Überblick
Die nachfolgende Liste ist nicht vollständig, da eine zentrale Übersicht in der Microsoft-Produktdokumentation fehlt. Darüber hinaus wurden teils Produktnamen geändert oder Dienste im Zuge technischer Konsolidierung zusammengeführt. [4]:
- Microsoft Entra ID Identity Protection
- Microsoft Entra ID Governance
- Microsoft Entra Conditional Access
- Microsoft Entra Privileged Identity Management (PIM)
- Microsoft Defender
- Microsoft Defender for Business
- Microsoft Defender for Cloud Apps
- Microsoft Defender for Identity
- Microsoft Defender for Office 365 Plan 1
- Microsoft Defender for Office 365 Plan 2
- Microsoft Cloud App Security (Microsoft Defender for Cloud Apps)
- Microsoft Cloud App Security (MCAS)
- Microsoft Priva
- Microsoft Purview Data Governance
- Microsoft Purview eDiscovery (Standard)
- Microsoft Purview-eDiscovery (Premium)
- Microsoft Purview Information Protection Customer Key
- Microsoft Purview Information Protection sensitivity labeling
- Microsoft Purview Information Protection Message Encryption
- Microsoft Purview Information Protection Double Key Encryption
- Microsoft Purview Insider Risk Management Forensic Evidence
- Microsoft Purview Customer Lockbox
- Microsoft Purview Audit (Premium)
- Microsoft Purview Data Loss Prevention (DLP)
- Microsoft Purview Data Loss Prevention (DLP) for Teams
- Microsoft Purview Data Loss Prevention: Data Loss Prevention (DLP) for Exchange Online, SharePoint Online, and OneDrive for Business
- Microsoft Purview Data Loss Prevention Graph APIs for Teams Data Loss Prevention (DLP) and for Teams Export
- Compliance Program for Microsoft Cloud
Einige dieser Dienste können zwar auf bestimmte Benutzer oder Gruppen beschränkt (‚gescoped‘) werden, entfalten jedoch oft auch dann ihre Wirkung, wenn keine explizite Lizenz zugewiesen wurde – beispielsweise durch globale Richtlinien, Hintergrundfunktionen im Tenant oder weil sie zwar technisch einschränkbar wären, in der Praxis aber dennoch auf Daten aller Objekte im Tenant zugreifen.[3]
Das Microsoft Customer Agreement (MCA) und die Product Terms
Das MCA ist mittlerweile das zentrale Vertragsdokument für Microsoft Online Services. Es ersetzt eine ganze Reihe älterer Vereinbarungen.
In der Sektion „Universal License Terms“ heißt es klar und deutlich [5]:
Customer must acquire and assign the appropriate subscription licenses required for its use of each Online Service. Usage exceeding the Online Service’s documented entitlement(s) and/or usage limits require additional purchase of licenses to cover overage. […] Customer has no right to use an Online Service after the SL for that Online Service ends. [5]
Jeder Benutzer, der einen Dienst nutzt – sei es Exchange Online, Teams, SharePoint Online oder Entra ID Conditional Access – muss lizenziert sein. Und zwar nicht pauschal, sondern als Named User mit einer entsprechenden User Subscription License (USL) für den Dienst.
Häufig übersehene Lücken: Zwei prominente Beispiele
Zwei Dienste, die besonders häufig unzureichend lizenziert werden, sind:
- Microsoft Entra ID P1
- Microsoft Defender for Office 365 Plan 1
Beide Dienste sind ausschließlich als User Subscription License (USL) verfügbar – eine geräte- oder mandantenbezogene Lizenzoption existiert nicht. Dennoch beobachten wir in Lizenzanalysen häufig, dass Unternehmen diese Services verwenden, ohne den entsprechenden Benutzern, die davon Gebrauch profitieren, die notwendige Lizenz zugewiesen oder lizenziert zu haben.
Beispiel: Microsoft 365 Business Premium
Diese Lizenz ist eine sogenannte Subscription License Suite (SLS) – das heißt, sie bündelt mehrere USLs in einem Paket.
Die Entra ID P1 USL ist in Microsoft 365 Business Premium enthalten. Benutzer, die diese Lizenz besitzen, dürfen entsprechend Conditional Access und andere P1-Funktionen nutzen.
Alle weiteren internen Benutzer – unserer Meinung auch einschließlich Administratoren und Service-Accounts – müssen gemäß den Lizenzvorgaben von Microsoft separat mit Entra ID P1 Add-on-Lizenzen ausgestattet werden, sofern sie von den durch die User Subscription Licenses (USLs) abgedeckten Funktionen der TLS profitieren.
Lizenz-Compliance ist wichtig!
Microsoft hat in den letzten Jahren seine Telemetrie-Funktionen stark ausgebaut. Mittlerweile kann und wird nachvollzogen, welche Benutzer welche P1/P2-Funktionen aktiv nutzen. Und auch Administratoren haben mittlerweile diese Möglichkeit bekommen.
Vorallem in der letzten Zeit wird Microsoft bei Verstößen aktiv. Etwaige erste Schritte um die Software Lizenz-Compliance wiederherzustellen sind:
- Eine Benachrichtigung an den Kunden und dessen Partner senden
- Eine 90-tägige Frist zur Nachlizenzierung setzen
- Im Zweifel ein Audit einleiten
Insbesondere bei CSP-Verträgen (Cloud Solution Provider) ist uns bekannt geworden, dass Verstöße inzwischen konsequenter als noch vor ein paar Jahren, verfolgt werden.
Einige SaaS-Anbieter geben in ihrer Dokumentation an, dass lediglich eine Entra ID P1 Lizenz erforderlich sei um deren SaaS-Dienste zu nutzen. Technisch ist dies zwar korrekt, jedoch entspricht diese Aussage nicht zwangsläufig den lizenzrechtlichen Vorgaben von Microsoft. In solchen Fällen ist es ratsam, einen erfahrenen Partner hinzuzuziehen, um Risiken zu vermeiden und eine lizenzkonforme Umsetzung sicherzustellen.
Microsoft bietet mehr Transparenz mit Entra License Utilization Insights
Seit 2024 bietet Microsoft im Entra Portal ein neues Tool an: Entra License Utilization Insights. Dieses Insights-Panel zeigt Administratoren erstmals, wie viele Benutzer effektiv P1/P2-Funktionen verwenden – und wo möglicherweise Lizenzen fehlen. Jedoch werden noch nicht alle Features in die Insights mit einbezogen.
Gerade in großen Organisationen ist dies ein wertvolles Instrument, um Lizenzlücken zu identifizieren und zu beheben – bevor Microsoft dies übernimmt.
Mehr dazu in unserem Artikel: Microsoft Entra Lizenznutzungsübersicht: Neue Einblicke und Optimierungsmöglichkeiten
Besser vorsorgen als nachlizenzieren
Die Lizenzierung von Microsoft Online Services – insbesondere der Tenant-Level Services – ist komplex und voller Fallstricke. Viele Unternehmen und IT-Partner unterschätzen die Lizenzierung der Online Services und vorallem auch die damit verbundenen Risiken.
Unsere Empfehlung:
- Verständnis aufbauen: Wer Microsoft Online Services nutzt, muss die Lizenzmodelle kennen.
- Bestandsaufnahme machen: Welche Dienste sind aktiv? Welche Benutzer profitieren davon?
- Product Terms prüfen: Die offiziellen Microsoft Product Terms sind das maßgebliche Regelwerk.
- Lücken schließen: Fehlen Lizenzen? Jetzt nachbuchen – bevor es kritisch wird.
- Tools nutzen: Entra Insights hilft bei der Übersicht und Priorisierung.
Wir identifizieren Optimierungspotenziale und hilfen dabei Transparenz zu schaffen.

Quellenangaben:
[1] Microsoft Product Terms, [2] Microsoft Product Terms, [3] Microsoft 365 guidance for security & compliance - Service Descriptions | Microsoft Learn, [4] Guide-to-MS-O365-Licensing, [5], MCA, [6] Microsoft Product Terms
Rechtlicher Hinweis:
Bitte beachten Sie, dass dieser Beitrag keine individuelle Lizenzberatung darstellt. Eine rechtssichere Bewertung erfordert stets die Prüfung Ihrer spezifischen Verträge, Vereinbarungen und Einsatzszenarien.
Zudem kann dieser Artikel aufgrund kontinuierlicher Änderungen durch Microsoft nicht permanent aktuell gehalten werden.
Wir empfehlen dringend, die jeweils gültigen Microsoft Product Terms sorgfältig zu prüfen und bei Unsicherheiten fachkundige Beratung einzuholen.